Kreislaufwirtschaft wird zum ethischen Postulat. Die Verpackungsindustrie steckt in der Zange

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Kreislaufwirtschaft wird zum ethischen Postulat. Die Verpackungsindustrie steckt in der Zange

Thomas Reiner | 18.02.2021

Die Verpackungsindustrie bekommt Druck von allen Seiten. Das bestätigt die Trendstudie 2020 der Otto Group. Regulierer hier und Konsumenten dort senden Befehle und Wünsche für mehr Ethik bei Produkten und Dienstleistungen. Ganz oben auf der Liste: Kreislauffähigkeit. Kurzfristig erzeugt der Druck erzwungene Bewegung in Form von Reaktion. Langfristig brauchen wir Bewegung durch Aktion: Handeln aus eigener Überzeugung.


 

Ethischer Konsum hat sich im Mainstream der Deutschen etabliert und differenziert sich weiter aus. Recycling, Kreislaufwirtschaft und Klimaneutralität kommen dabei eine herausragende Rolle zu. Das zeigt eine aktuell Trendstudie 2020 der Otto Group.
Die Industrie steckt in einer Zange. Druck durch die Regulierer von der einen Seite und Druck durch die Verbraucher:innen auf der anderen. Der Druck erzwingt eine kurzfristige Reaktion und erzeugt damit auch kurzfristig Bewegung. Langfristig sollte uns das nicht genügen. Der Wandel kann sich nur etablieren, wenn möglichst viele Unternehmen aus eigener Überzeugung handeln.

Die Otto-Studie: Ethik und Kreislaufwirtschaft
Für die Trendstudie befragte das große deutsche Handels- und Dienstleistungsunternehmen 1.149 Deutsche zwischen 14 und 70 Jahren. Das zentrale Ergebnis der vom Marktforschungsinstitut Bonsai GmbH im Oktober 2020 durchgeführten Befragung: Ethischer Konsum hat sich im Mainstream der Deutschen etabliert und differenziert sich weiter aus.

  • 82 % sind bereit, den Weg von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft mitzugehen und sprechen sich für langlebigere Produkte und höhere Materialeffizienz aus.
  • 70 % bezeichnen ethische Kriterien als festen Bestandteil ihrer Kaufentscheidungen. Bei der letzten Befragung im Jahr 2013 lag dieser Wert noch sechs Prozentpunkte niedriger.
  • 63 % sind bereit, für klimaneutrale Produkte mehr zu bezahlen.
  • 60 % können sich vorstellen, beim Einkauf die „wahren Kosten“ für Umweltbelastung und Klimawandel zu bezahlen.
  • Ein Drittel hat in den letzten ein bis zwei Jahren mehr Geld für ethischen Konsum ausgegeben.
  • 20 Prozent geben an, seit der Corona-Krise noch bewusster nach ethischen Kriterien einzukaufen.

Die Top-7 der Ethik-Liste

  • Produkte, die umweltfreundlich hergestellt wurden (82 %)
  • Produkte, die aus menschenwürdigen Arbeitsbedingungen stammen (82 %)
  • Produkte, die weniger Verpackungsmüll verursachen
  • Produkte, die recycelbar sind (81 %)
  • Produkte aus fairem Handel (81 %)
  • Klimaneutrale Produkte (77 %)
  • Besonders langlebige Produkte (67 %)

Kreislaufwirtschaft, Recycling und Verpackungsaufwand
Diese drei Faktoren haben sich einen festen Platz im ethischen Kanon der Verbraucher:innen erarbeitet. Die Zeiten, in denen nur eine kleine, besonders umweltbewusste Zielgruppe befriedigt werden musste, sind Vergangenheit. Auch die regulativen Tätigkeiten der letzten Zeit zeugen von diesen fest verankerten Verbraucherwünschen.

Die Industrie steckt in der Zange von Regulierer und Konsument:in. Es bleibt zu hoffen, dass die Reaktion der Industrie sich nicht nur in Notwehr erschöpft. Durch kurzfristige Bewegung Druck ablassen, sollte uns auf Dauer nicht genügen. Wir sollten ethische Überzeugungstäter werden, die ihre Aktionen aus eigener Überzeugung vorantreiben. Alles andere wäre eine vergebene Chance – die sich auf allen Ebenen rächen dürfte.

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Ohne Kreislauf hat Kunststoff keine Zukunft. Wasser jetzt in Aluminiumflaschen

Bildquelle: Lofoten Arctic Water AS

 

Ohne Kreislauf hat Kunststoff keine Zukunft. Wasser jetzt in Aluminiumflaschen

Thomas Reiner | 12.02.2021

Ohne Kreislauffähigkeit hat kein Packstoff eine Zukunft. Außerdem wird das Primat der Klimadiskussion immer stärker und die CO2-Bilanz zum wichtigsten Gradmesser. Das hat Auswirkungen mit gravierenden Folgen. In der Industrie ist das vielen noch nicht bewusst. Zeit für einen Weckruf.


 

Das aktuelle Beispiel zeigt erneut, wie wichtig die Kreislauffähigkeit bei der Verpackungswahl geworden ist. Ohne Kreislauffähigkeit hat kein Packstoff eine Zukunft. Ein Umstand, den Kunststoff immer öfter schmerzlich zu spüren bekommt. Metall kann hier punkten. Aber geschlossene Kreisläufe alleine reichen nicht mehr.

CO2 und Klimabilanz im Fokus
Denn das Primat der Klimadiskussion wird zunehmen stärker und die CO2-Bilanz zum entscheidenden Faktor. Dabei geht es aber nicht nur um die Klimabilanz des reinen Packstoffes! Auch das Design (for Recycling) und der Recyclingprozess selbst werden auf die Waagschale gelegt. Das ist nur folgerichtig, denn auch die stoffliche Wiederverwertung benötigt Energie, die sich in der CO2-Bilanz niederschlägt.

Warum Aluminium?
Mit den neuen, recycelbaren Aluminiumflaschen von Ball für sein natürliches Premium-Wasser will Lofoten Arctic Water nach eigener Aussage die Verschmutzung der Wasserwege durch Mikroplastik vermeiden und gleichzeitig die natürlichen Ressourcen schonen.
Ein wichtiger Punkt für die Wahl war für das Unternehmen darüber hinaus, dass die Flaschen auch für die in den nordischen Ländern eingesetzten Pfandsysteme und Rücknahmeautomaten geeignet sind.
Die Flaschen werden zunächst nur in Norwegen, Frankreich, Deutschland, Taiwan und Großbritannien eingesetzt, sollen aber zukünftig auch in weiteren Länder ausgerollt werden.

Weckruf für die Industrie
Das Primat der Klimabilanz wird in Zukunft zu neuen Herausforderungen für die Industrie führen. Geschlossene Kreisläufe alleine reichen nicht mehr aus. Die Auswirkungen von „Green Deal“, die Verpflichtung zur Klimaneutralität von Unternehmen und die insgesamt dynamische regulative Tätigkeit im Klimabereich werden immer stärker dazu führen, dass auch die Klimabilanz des Recyclingprozesses mit in die Bilanzierung von Nachhaltigkeit einfließt. Die Industrie tut gut daran, diesen Weckruf nicht nur zu hören, sondern ernst zu nehmen!

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Paperisation bei Eis am Stiel. Ist wirklich alles Gold, was glänzt?

Bildquelle: Unilever – BEN & JERRY’S

 

Paperisation bei Eis am Stiel. Ist wirklich alles Gold, was glänzt?

Thomas Reiner | 09.02.2021

Unilever bringt eine neue On-Stick-Version für die meistverkaufte Geschmacksrichtung seiner Marke Ben & Jerry’s. Die papierbasierte und recycelbare Verpackung zielt auf eine exakt definierte Käufergruppe. Clever! Der Markt geht insgesamt in eine klare Richtung. Aber es bleiben wichtige Fragen, die für alle Papier-Kunststoffverbunde gelten.


 

Die Renaissance von Papier ist mehr als eine Renaissance. Papier erobert Schritt für Schritt Anwendungsgebiete, die bislang eine Domäne von Kunststoff waren. Auch Unilever geht für seine Eis-Marke Ben & Jerry’s diesen Weg. Die neue On-Stick-Version der meistverkauften Geschmacksrichtung Cookie Dough kommt demnächst in einer papierbasierten und weitgehend recycelbaren Verpackung auf den Markt.

Kunden können die neue Eis-am-Stiel-Version von Cookie Dough jetzt also auch unterwegs verzehren. Die neue Verpackung passt optimal zur öffentlichen Wahrnehmung und zur Selbstdarstellung der Marke Ben & Jerry’s, die sich als „fairer“ und „nachhaltiger“ positioniert. Es ist deshalb clever und folgerichtig, dass Unilever seine neue, papierbasierte Verpackung einer Zielgruppe anbietet, die besonders sensibel auf Nachhaltigkeitsthemen reagiert. Aber ist wirklich alles Gold, was glänzt?

Unilevers Design und Strategie
Die Cookie Dough Peace Pops sind auf einem Holzstäbchen befestigt und kommen in einer Verpackung, die nach Unternehmensangaben aus bis zu 88 Prozent Papier besteht und weitgehend recycelbar ist.

Ben and Jerrys versucht mit der neuen Verpackung an ihre Nachhaltigkeitsstrategie anzuknüpfen, die bereits bei den klassischen Eis-Kübel 40 Prozent weniger Kunststoff einsetzt, der zudem aus einer erneuerbaren, pflanzenbasierten Quelle stammen soll.

Produktübergreifend will Unilever im Rahmen einer globalen Verpflichtung bis 2025 die Nutzung von Virgin-Kunststoff halbieren und alle Verpackungen wiederverwendbar sowie recycelbar oder kompostierbar machen.

Offene Fragen zu Regulierung und Recyclingfähigkeit
In seinen Nachhaltigkeitsbestrebungen geht der Markt in eine klare Richtung. Papier ist dabei Favorit. Aber ab wann ist eine Papierverpackung eine Papierverpackung? Reichen 88 Prozent oder werden die fehlenden 12 Prozent zum Stolperstein?
Es stellt sich die Frage nach der tatsächlichen Wiederverwertbarkeit. Theoretische 88 Prozent helfen letztlich niemanden. Eine entscheidende Rolle werden bei dieser Frage die Regulierer einnehmen. Wie werden sie Verbunde aus Papier und Kunststoff einschätzen? Die Frage bleibt vorerst offen. Aber es wäre nicht überraschend, wenn gut in Zukunft nicht gut genug sein wird.

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Doves neues Refill Deo: Zwei Fliegen mit einer Klappe?

Bildquelle: Josh Power

 

Doves neues Refill Deo: Zwei Fliegen mit einer Klappe?

Thomas Reiner | 05.02.2021

Die neue Edelstahl-Refill-Lösung von Unilever halbiert den Kunststoffeinsatz und punktet beim Recycling über den geschlossenen Metallkreislauf. Die Wiederbefüllbarkeit erweist sich darüber hinaus als Trumpf bei der Klimabilanz. Sollten wir jetzt alle mehrgleisig fahren?


 

Klima- und Recyclingvorteil: Der neue Deo-Stick im Edelstahlgehäuse zahlt nicht nur auf die Kreislaufwirtschaft ein, sondern auch auf die Klimafrage. Denn die Verpackung verwendet viel Material, dass sich in geschlossenen Kreisläufen stofflich wiederverwerten lässt. Gleichzeitig stellt sich die Verpackung der Klimafrage, denn das Refill-Prinzip reduziert über das gesenkte Materialaufkommen auch die CO2-Bilanz.

Refill und Vermeidung von Kunststoff
Ein Leben lang statt Einweg: Wo bisher ein Deodorant in Plastikverpackung einmal aufgebraucht im Müll verschwand, soll der nachfüllbare Deo-Stick von Unilevers Personal Care-Marke Dove ein Leben lang halten. Dazu wird das (dauerhafte) Gehäuse aus Edelstahl mit (wechselbaren) Einsätzen nachgefüllt, die im Gehäuse einrasten. Dove gibt auf das Gehäuse eine „Lifetime Guarantee“.

Die neue Verpackung verzichtet nicht vollständig auf Kunststoff, da der bei den Einsätzen noch nicht komplett ersetzt werden kann. Aber Unilever erreicht nach eigenen Angaben eine Kunststoffreduktion von 54 Prozent gegenüber der Vorgängerlösung. Zudem kann nach Unternehmensangaben 98 Prozent des verwendeten Plastiks recycelt werden.

2019 hatte sich Unilever das Ziel gesetzt, den Einsatz von Neuplastik bis 2025 zu halbieren, insgesamt 100.000 Tonnen Kunststoffverpackungen einzusparen und die komplette Abkehr von Einwegplastik einzuleiten. Auf dieses Ziel zahlt die neue Verpackung ein. Geplant ist, über Verbesserungen im Design des Deo-Sticks zukünftig komplett auf den Einsatz von Kunststoff verzichten zu können. Vorerst wird das nachfüllbare Deo nur in US-Target- und Walmart-Filialen erhältlich sein.

Reicht das in Sachen Nachhaltigkeit?
Mehrgleisig auf dem Weg zum gleichen Ziel: Die neue Deo-Stift-Lösung zeigt, dass das möglich ist. Die Lösung ist noch nicht perfekt und nur ein erster Schritt. Auf der anderen Seite ist es eben ein (dringend notwendiger) Schritt! Und der geht in die richtige Richtung.

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